oft gehört und trotzdem Quatsch

Ein Kind ist kein Kind

Diesen Satz habe ich schon gehasst als ich ihn das erste mal hörte, natürlich erst als ich selbst zur Muddi wurde, jetzt mit 3 Kindern halte ich ihn für noch mehr Unsinn als je zuvor. Ich hatte ein »kein Kind«, dass als Baby sehr anspruchsvoll war, er wollte viel getragen werden, weinte und schrie in den Abendstunden lange und viel. Ablegen konnte man ihn eigentlich nie, außer man saß neben ihm und beschäftigte sich mit Ihm. Mir persönlich geht dieses Gerede über sogenannte »high need Babys« auf den Keks. Für mich ist es normal, dass ein kleines hilfloses Baby was prinzipiell nichts kann auf uns angewiesen ist und uns das irgendwie mitteilen muss. Wir sind diejenigen die für ihr Wohlbefinden und sämtliche Bedürfnisse da sind. Sie können sich ja nicht selbst versorgen, dafür sind wir als Eltern da, um zu erkennen was jetzt gerade los ist, das Baby versuchen zu lesen. Das mit dem lesen ist auch nicht unbedingt leicht wenn dein Baby einen hochroten Kopf hat und aus vollster Kehle schreit. 

Ich würde lügen würde ich sagen, dass ich nicht diese Momente hatte in denen ich einfach nicht mehr konnte, verzweifelt war oder sogar richtig wütend auf mein Baby war. Am nächsten Morgen habe ich mich dann wieder für meine Gedanken geschämt, war aber trotzdem noch müde und schwach – und nein bei mir ist mit einem Lächeln meiner Kinder noch lange nicht alles vergessen ich bin da etwas nachtragend.

Wir haben ziemlich genau 2 Jahre und 3 Monate nicht durchgeschlafen. Mit etwas über einem Jahr hatten wir eine extrem schwierige Phase weil ich der Meinung war das ein Kind was so viel isst wie mein Sohn nachts keine 3 drei Milchflaschen mehr braucht. Er wachte circa sechs mal pro Nacht auf, dreimal Schnuller und dreimal Flasche. Es machte keinen Unterschied ob er bei uns im Bett, in seinem Bett oder in einem anderen Zimmer schlief. Wir waren wirklich zerstört. Nachdem ich sämtliche Tipps und Tricks versucht hatte (der nutzloseste war es die Milch mit Wasser zu verdünnen, denn da wollte er gleich noch zwei Flaschen mehr pro Nacht) zogen wir die Reißleine, es gab nach wie vor die Milchflasche zum einschlafen und nachts haben wir uns erdreistet ihm nur noch Wasser in die Flasche zu füllen. Er hat so getobt, geschrien und hat die Flaschen aus dem Bett geschmissen. Ich hab geheult und mit Engelszungen erfolglos auf ihn eingeredet. nach 3 Tagen war der Spuk dann vorbei und der Schnuller reichte ihm beim wieder einschlafen voll und ganz. 

Nennt mich grausam, aber für uns war es eine riesengroße Erleichterung weil die Wachphasen in der Nacht viel kürzer wurden. In dem Moment habe ich mein Bedürfnis über dem meines Kindes gestellt, aber manchmal ist es auch wichtig, dass es allen Beteiligten auf lange Sicht gut geht.

»direkt noch ein zweites?!«

Wir haben uns bewusst für einen kurzen Abstand zwischen den Kindern entschieden, dass jetzt Kind zwei und drei so nah beieinander liegen hätte ja keiner ahnen können. Unsere Gründe waren die, dass wir uns gar nicht erst an leichtes einschlafen, durchschlafen und vor allem an eine Gewisse Unabhängigkeit gewöhnen wollten. 

Der Plan ging dahingehend auf, dass vor allem die Nächte mit den Babys keine große Umstellung wurden, da der gerade 2 jährige noch regelmäßig nachts wach wurde.

Zu unsere großen Freude schlief VP nachdem ich aus dem Krankenhaus mit den Twins nach Hause kam auf einen Schlag durch!

Frei nach dem Motto »ich bin jetzt ein großer Junge« hat er sich in den letzten 7 Monaten absolut problemlos vom Familienbett, dem Schnuller und seinen Windeln verabschiedet. Er hat bei Allem den Zeitpunkt selbst entschieden, daher bin mir absolut sicher, dass das bei ihm der Schlüssel zum Erfolg ist – nur bei der nächtlichen Milch mussten wir halt etwas nachhelfen.

So hatte ich dann nach der Geburt ein sehr ausgeglichenes Baby, eines was meinem Erstgeborenen zu 100% ähnlich war und ein glückliches und zufriedenes Kleinkind.

Da ich mich auf zwei sehr anspruchsvolle Babys eingestellt hatte war das ganze Leben mit den Zwillingen wesentlich einfacher als ich es mir vorgestellt hatte. Natürlich ist es anstrengend, aber das ist es mit einem Kind eben auch. Jetzt habe ich ein absolutes Dream-Team, die Zwillinge schlafen immer noch zusammen in einem Bett, sie genießen diese Nähe und schlafen wenn sie mal getrennt voneinander schlafen weil z. B. einer noch im Wohnzimmer oder im Kinderwagen liegt wesentlich unruhiger und schlechter.

Sie kugeln sich auf dem Boden immer wieder in die Nähe des anderen, halten immer wieder Händchen, lachen auch gegenseitig an. Sie sind wirklich einfacher als es mein großer Sohn es war. Ich sage nicht, dass es mit VP schlimm war – nein das war es nicht – seine Babyzeit war auch wunderschön, aber ich fand sie durchweg anstrengender und belastender. Natürlich mag das auch daran liegen, dass man beim ersten Kind noch ganz anders tickt, sich viel mehr Gedanken macht und ich auch noch eine ganz andere Person war, aber hauptsächlich liegt es daran dass die Zwillinge sich haben.

Jetzt ist es gerade wieder an der Zeit, dass VP uns mehr braucht, er macht gerade eine wirklich schwierige Phase durch, er probiert sich viel aus und kommt immer wieder an seine Grenzen, oft geht er dabei über unsere hinaus. Er weiß gerade oft nicht ob er noch Baby sein möchte oder doch ein großer Junge, das kann von Minute zu Minute unterschiedlich sein. Ja es ist anstrengend, ich wusste aber das diese Phase kommen wird. Wir waren nämlich das letzte Jahr sehr verwöhnt mit einem Kind was wirklich wenige Trotzanfälle und Totalausfällen hatte. VP ist wirklich unglaublich verständnisvoll und steckt ziemlich viel weg, deswegen kann ich ihm das was wir gerade durchmachen auch kein bisschen vorwerfen, es ist sein gutes Recht seine Gefühle zu sortieren und auch einfach mal ein »Scheisskind« zu sein.

Klar finde ich es heute einfacher und super entspannt wenn ich nur mit ihm als Einzelkind unterwegs bin, wir haben soviel Spaß und es ist wirklich richtig schön und ich kann unsere Zweisamkeit auch genießen. Wenn er Samstags mit seinem Papa in den Schwimmkurs geht, dann kommt da ein absolut glückliches Kind wieder was sich richtig auf seine Geschwister freut, dennoch merke ich wie gut ihm diese Exklusivzeit tut.

»warum habe ich eigentlich immer so viel gejammert???«

Zurück zur »ein Kind kein Kind« These, ich habe mich zwischendurch immer wieder bei diesen Gedanken erwischt wenn ich allein mit dem großem unterwegs war und bin sehr hart mit meinem alten ich ins Gericht gegangen »warum hab ich eigentlich immer so viel gejammert? JETZT ist es anstrengend, mit VP allein war es doch soooo easy«.

Wenn ich dann nur eine Sekunde länger darüber nachgedacht habe kam ich zu der Erkenntnis das es nicht stimmt, es ist wie bei so vielen Dingen mit Schwangerschaft, Geburt, Babys und Kindern, dass man einfach vergisst. Gott sei Dank, sonst wäre das unser Ende. Das Leben mit einem fast dreijährigen ist halt für mich wesentlich einfacher, weil er einfach schon verdammt viel kann und nicht 24/7 versorgt werden muss, er kann einfach sagen wo der Schuh drückt und ich kann viel schneller und effektiver helfen.

Was ich eigentlich damit sagen möchte, ist dass wir alle etwas vorsichtiger mit solchen Aussagen sein sollten, denn wer weiß schon wem wir das gerade erzählen, der Mutter mit einem Kind was nachts keine Stunde am Stück geschlafen hat, oder der die wieder den ganzen Tag hüpfend oder laufend mit dem Baby in der Trage verbracht hat, oder der die ihren 3 jährigen schreiend wie einen nassen Sack hängend durch den Aldi tragen musste während alle Leute diese unfähige Mutter anstarrten?! Wir wissen es nicht, und ein Kind kann anstrengender sein als drei andere. Im schlimmsten Fall springt sie dir dann vor lauter Schlafentzug und Stress an die Gurgel.

Jeder hat seine eigene Grenze wenn es um das Stresspensum geht, jeder kann unterschiedlich viel stemmen, das kennen wir ja fast alle aus dem Job, wo die eine Kollegin nur die Hälfte der Arbeit erledigt aber dafür doppelt so erschöpft ist als man selbst und dabei noch meckert.

In der Kita, beim Kinderarzt oder in Muddigruppen höre ich oft, dass ich ja so entspannt sei. Ich empfinde das manchmal sogar als Kritik und frage mich was sie damit meinen, ob meine Kinder vielleicht verloddert rüber kommen oder ich nicht straight genug bin weil ich ja »ach so entspannt« bin?

Ich bin oft mies gelaunt und überfordert, ich sperr mich dann halt mal kurz ins Bad ein oder verstecke mich mit Keksen in irgendeiner Ecke, denn meine Kinder können am wenigsten dafür, ich bin diejenige die sich den Stress macht in dem ich nicht »nein« sagen kann, oder mir wieder zu viel aufdrücke. Darunter sollten sie nicht leiden und das tun sie nicht, denn wenn ich sie abhole, dann schaffe ich es den bisherigen Tag hinter mir zu lassen und einfach zu 100 Prozent für sie da zu sein, das haben sie nämlich verdient denn Liebe habe ich genug für alle 3.